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LĂŒgenpresse
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LĂŒgenpresse ist ein politisches Schlagwort, das polemisch und mit herabsetzender Absicht auf mediale Erzeugnisse gerichtet ist und sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum nachweisen lĂ€sst. ZunĂ€chst wurde es gelegentlich von konservativen Katholiken, zumeist mit einem antisemitischen Hintergrund, gegen die im Zuge der bĂŒrgerlichen Revolutionen entstandene liberale Presse verwendet. In der Propaganda im Ersten Weltkrieg fand „LĂŒgenpresse“ sehr viel hĂ€ufiger Verwendung; hier bezeichnete es aus Sicht der MittelmĂ€chte die Presse der Feindstaaten. Sowohl vor als auch wĂ€hrend der Zeit des Nationalsozialismus nutzten NS-Agitatoren das Schlagwort im Rahmen ihrer antisemitischen Verschwörungstheorie zur Herabsetzung von Gegnern als Kommunisten und Juden sowie der Behauptung einer Steuerung der Presse durch ein „Weltjudentum“. Nach der „Machtergreifung“ und der Gleichschaltung der Inlandspresse wurden die Medien der spĂ€teren Kriegsgegner als „LĂŒgenpresse“ geschmĂ€ht.

DarĂŒber hinaus fand das Schlagwort „LĂŒgenpresse“ auch in Organisationen der Arbeiterbewegung zur Abwertung von als bĂŒrgerlich oder kapitalistisch wahrgenommenen Teilen der Presse sowie in der Exilpresse als Bezeichnung fĂŒr die gleichgeschalteten NS-Medien Verwendung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam das Wort zunĂ€chst nur mehr sporadisch vor. Die ab August 1945 erscheinende Frankfurter Rundschau verstand sich explizit als Gegenentwurf zu „Hugenbergs LĂŒgenpresse“.cite-ref-1[1] In den Medien der DDR wurde das Wort im Kalten Krieg gelegentlich zur Herabsetzung der westdeutschen Presse benutzt.

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts wird der Ausdruck LĂŒgenpresse – zumal in Deutschland – vorrangig von rechtsextremen und rechtspopulistischen, völkischen sowie fremdenfeindlichen und islamophoben Kreisen verwendet, zunĂ€chst von Teilen der Hooligan-Szene, bekannter seit 2014 als Parole bei den von Dresden ausgehenden Pegida-Demonstrationen sowie bei Demonstrationen der AfD. Hier ist sie mit Gewaltdrohungen und Gewalt gegen Journalisten eng verbunden.

Im Januar 2015 wurde „LĂŒgenpresse“ von der Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres zum „Unwort des Jahres 2014“ gewĂ€hlt.

Contents

‱ Reaktionen
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Wortbildung, Lexikalisierung, verwandte PrÀgungen

Es handelt sich um ein Kompositum aus der Gruppe der Determinativkomposita, das heißt, ein Grundwort oder Kopf (Presse) wird durch ein vorangestelltes Bestimmungswort (LĂŒgen) in seiner Bedeutung modifiziert. Semantisch lĂ€sst es sich als effizierendes Nomen bzw. Nomen resultativum einordnen: Das Bestimmungswort gibt das bewirkte Ergebnis an. Der Sinn ist damit etwa: die Presse, die LĂŒgen schreibt. Mit dem Grundwort Presse sind gewöhnlich die tonangebenden Tagesmedien gemeint, im Sinne von Presse (Medien). Da diese Bedeutung erst im 19. Jahrhundert allgemein wurde, ist es nicht verwunderlich, dass das Kompositum erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nachzuweisen ist. Das Bestimmungswort LĂŒgen enthĂ€lt traditionell einen starken moralischen Vorwurf, wie der Linguist Gabriel Falkenberg in einem sozialgeschichtlichen Exkurs ausfĂŒhrt: sowohl nach dem Prinzip der ritterlichen Ehre als auch nach dem Prinzip der bĂŒrgerlichen GeschĂ€ftsmoral.cite-ref-2[2]

Das Kompositum fand sich bis 2014 nicht in deutschen WörterbĂŒchern, ist also trotz seiner zeitweise nicht seltenen Verwendung bis dahin nicht lexikalisiert worden. 2016 erschien es im Duden mit der Definition: „(im 19. Jahrhundert entstandenes) Schlagwort fĂŒr Medien, besonders Zeitungen und Zeitschriften, denen unterstellt wird, unter politischem, ideologischem oder wirtschaftlichem Einfluss zu stehen, Informationen zu verschweigen oder zu verfĂ€lschen und so die öffentliche Meinung zu manipulieren“.cite-ref-3[3] Eine verwandte Bildung ist das „LĂŒgenblatt“, in Grimms Wörterbuch lemmatisiert mit einem Beleg aus einer Zeitung von 1871 und der Bedeutung „zeitungsblatt, welches geflissentlich unwahrheiten verbreitet“.cite-ref-4[4] Hier ist das Grundwort im Unterschied zur „LĂŒgenpresse“ nicht das Kollektivum Presse, sondern ein einzelnes Presseerzeugnis (Zeitung, „Blatt“). Im zehnbĂ€ndigen Duden von 1999 sowie im Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache gibt es unter anderem das Lemma „LĂŒgenfeldzug“, das im Ersten Weltkrieg in enger Verbindung mit der „LĂŒgenpresse“ auftrat. Hier bezeichnet das Grundwort nicht eine Institution wie die Presse, sondern eine Handlung (Kampagne).cite-ref-5[5] Eine der „LĂŒgenpresse“ inhaltlich wie formal recht eng verwandte Komposition mit demselben Grundwort taucht im Rechtschreibduden auf, nĂ€mlich die „Hetzpresse“.cite-ref-6[6]

Im Nationalsozialismus wurde „LĂŒgenpresse“ oft gleichbedeutend mit „Journaille“ verwendet.cite-ref-7[7] Die Wortbildung „Journaille“ wird allerdings formal nach ganz anderen Mechanismen der Komposition erzeugt als „LĂŒgenpresse“, und ihr Eintritt in den deutschen Wortschatz wird direkt mit einer Person verbunden, nĂ€mlich mit Karl Kraus. Mit Bezug auf die Medien der Weimarer Republik sprachen Nationalsozialisten auch oft von „Systempresse“.cite-ref-8[8]

Im deutschsprachigen Rechtsextremismus wird oft ebenfalls von „Systempresse“ oder von „Medienmafia“ oder (gleichgeschalteter / deutschfeindlicher / anti-deutscher) „Meinungsindustrie“ gesprochen, um die Annahme einer zentralen Lenkung der Medien verschwörungstheoretisch auszudrĂŒcken.cite-ref-9[9]

Ulrich Teusch verwendete 2016 als Titel eines Buchs den Neologismus LĂŒckenpresse, der in Wortbildung, Klang und Bedeutung auf „LĂŒgenpresse“ anspielt. Manche wichtige Meldungen wĂŒrden es nicht in die Presse schaffen. Mainstream-Medien unterstellt er doppelte Bewertungsstandards, je nach dem ĂŒber wen berichtet wird, als Beispiel nennt er die politische Berichterstattung ĂŒber Putin. Er stellt klar: „Ich missbillige ausdrĂŒcklich den Begriff ‚LĂŒgenpresse‘.“ Der „integre, ehrliche, gute Journalismus“ habe seine Bastionen im Öffentlich-Rechtlichen.cite-ref-10[10]

Verwendungsgeschichte

FrĂŒhe Verwendungen vor 1848

In den AnfĂ€ngen der religiösen Bewegungen von SpĂ€tmittelalter und FrĂŒher Neuzeit wurde der Vorwurf der LĂŒge genutzt, um die katholische Kirche als unglaubwĂŒrdig darzustellen: Sie halte sich selbst nicht an die von ihr verkĂŒndeten Gebote. Die gedruckte protestantische Publizistik nahm diesen Vorwurf auf. Umgekehrt griffen die katholischen Autoren ihrerseits zum Vorwurf der LĂŒge gegenĂŒber der zunĂ€chst vorwiegend protestantisch geprĂ€gten Publizistik. Diese Wortgeschichte belegen die EintrĂ€ge LĂŒgenblatt,cite-ref-11[11] LĂŒgenbrief,cite-ref-12[12] LĂŒgenrede und LĂŒgenreichcite-ref-13[13] oder LĂŒgenschrift bei Kaspar von Stieler, die im Deutschen Wörterbuch der BrĂŒder Grimm nachgewiesen sind.

Der LĂŒgenvorwurf an die Druckwerke war im 17. Jahrhundert derart allgemein geworden, dass Kaspar von Stieler im Zeitungsbuch Zeitungs Lust und Nutz 1695 ein eigenes Kapitel darauf verwandte, die Journalisten dagegen in Schutz zu nehmen. Unter der Überschrift Von dem Schutze wieder die Zeitungs-StĂŒrmer wird als hauptsĂ€chlicher Vorwurf gegenĂŒber den Zeitungen genannt, „dass sie Ungewiß und LĂŒgenhaft seien“.cite-ref-14[14] Stieler zitiert einen „vornehmen Geistlichen“, der das „LĂŒgen-Handwerk“ der „Zeitungs-Macher und Wort-WĂ€scher“ mit dem achten Gebot bekĂ€mpfen wolle.cite-ref-15[15] Stieler weist nicht nur darauf hin, „daß auch ein Zeitungs-Schreiber ein Mensch sey / der nicht vollkommen ist / und irren kann“,cite-ref-16[16] sondern empfiehlt, die Journalisten sollten ihre Quellen nennen, denn sie könnten nicht alles selbst ĂŒberprĂŒfen.

Auch das Kompositum LĂŒgenpresse findet sich gelegentlich bereits vor 1848, jedoch nicht kontinuierlich, sondern wohl ad hoc gebildet. So gab 1835 die Wiener Zeitung die Rede eines Abgeordneten vor der französischen Deputiertenkammer wieder, der fĂŒr eine EinschrĂ€nkung der Pressefreiheit eingetreten war, weil „nur durch UnterdrĂŒckung der LĂŒgenpresse [
] der wahren Presse aufgeholfen werden“ könne.cite-ref-17[17] Eine weitere frĂŒhe Verwendung ist in der Allgemeinen Zeitung vom 9. MĂ€rz 1840 nachgewiesen.cite-ref-18[18] Die Wortbildung richtet sich hier gegen „das Verleumdungssystem einiger schlechten Journale“, die es „credit- und achtungslosen Individuen“ ermöglichten, unter dem Schutz der AnonymitĂ€t AmtstrĂ€ger anzugreifen und zum RĂŒcktritt zu bewegen. Ein in dieser Belegstelle synonym benutztes Wort ist „Pressunfug“. Der entsprechende Artikel steht im Kontext einer Berichterstattung zur Duellgesetzgebung in Belgien.

Verwendung im Kontext der katholischen Kampagne gegen die „schlechte Presse“

Eine gewisse KontinuitĂ€t gewann der neue Ausdruck ab 1848 in Polemiken von katholisch-konservativer Seite gegen das im Zuge der deutschen MĂ€rzrevolution nach Aufhebung der Pressezensur erstarkte liberale und demokratisch orientierte Zeitungswesen. So zog der Priester und Abgeordnete der konservativ-„rechtsliberalen“ Casino-Fraktion in der Frankfurter Nationalversammlung Beda Weber in einem fĂŒr die Historisch-politischen BlĂ€tter fĂŒr das katholische Deutschland geschriebenen Artikel ĂŒber die Trauerfeier fĂŒr den nach der Niederschlagung des Wiener Oktoberaufstands standrechtlich hingerichteten republikanischen Abgeordneten Robert Blum ĂŒber die „jĂŒdische LĂŒgenpresse“ her: Diese habe den Aufruhr geschĂŒrt, die „rohen Leidenschaften“ aufgereizt und so die GemĂŒter verwirrt.cite-ref-19[19]

Der Eintrag „Zeitungen“ in einem Lexikon „fĂŒr das katholische Deutschland“ von 1849, der in deutlich gemĂ€ĂŸigterem Ton gehalten ist, benutzt das Wort „LĂŒgenpresse“ ebenfalls und nennt als Synonym „Schandpresse“.cite-ref-20[20]

Derartige Verwendungen finden sich in ultramontanen katholischen Publikationen des 19. und frĂŒhen 20. Jahrhunderts immer wieder. Eine besonders auffĂ€llige und öffentlichkeitswirksame Verwendung des Kompositums durch Viktor Kolb ist 1905 in dessen Rede auf der ersten Versammlung des neugegrĂŒndeten Pius-Vereins zur Förderung der katholischen Presse in Österreich belegt. Wie der Publizistikwissenschaftler Michael Schmolke referiert, war fĂŒr Kolb „die LĂŒgenpresse 
 in erster Linie die ‚Wiener Judenpresse‘“.cite-ref-21[21] Mit der von Kolb angewandten Doppelformel „Logen- und LĂŒgenpresse“ erhielt der Ausdruck zusĂ€tzlich zu den alten antijudaistischen bzw. antisemitischen auch anti-freimaurerische Konnotationen.cite-ref-22[22] HĂ€ufiger als der Ausdruck „LĂŒgenpresse“ war allerdings in katholisch-konservativen Kreisen die FĂŒgung „schlechte Presse“, die bereits ab 1840 ein gĂ€ngiges Schlagwort der katholischen Versuche geworden war, die neue RealitĂ€t einer unabhĂ€ngigen, weder an staatliche noch an kirchliche AutoritĂ€t gebundenen und der katholischen Kirche großenteils nicht wohlgesinnten Presse zu bezeichnen und zu verarbeiten.cite-ref-23[23]

Weitere Verwendung vor dem Ersten Weltkrieg

Im Jahr 1869 verwendete ihn Woldemar von Bock, um Berichte der russischen Presse ĂŒber die UnterdrĂŒckung der Letten und Esten durch die Deutsch-Balten als Propaganda darzustellen.cite-ref-24[24]cite-ref-25[25]

Nach dem gewonnenen Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 wurde „französische LĂŒgenpresse“ eine Formulierung, die in populĂ€ren deutschen Darstellungen ĂŒber den Krieg Verwendung fand. So bietet etwa eine Illustrierte Chronik des deutschen Nationalkrieges, die 1871 Hugo Schramm und Franz Otto gestalteten, auch eine „Blumenlese aus der französischen LĂŒgenpresse“,cite-ref-26[26] und G. Schneider hĂ€lt in den 1872 erschienenen Pariser Briefen fest, dass in der „französischen LĂŒgenpresse“ die Deutschen nicht nur als Heiden gegolten hĂ€tten, die rohes Fleisch Ă€ĂŸen, sondern ihnen sogar zugeschrieben worden sei, Kinder zu verspeisen.cite-ref-27[27]

Am 27. Dezember 1887, acht Jahre nach Beginn des Berliner Antisemitismusstreits und wĂ€hrend der Krise um den Gesundheitszustand des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen schrieb der Historiker Heinrich von Treitschke an seinen Freund Wilhelm Noll, dass er den Berichten der „coburgisch-jĂŒdische[n] LĂŒgenpresse“ nicht vertraue.cite-ref-28[28]cite-ref-29[29] 1893 beschrieben die Bayreuther BlĂ€tter, dass der antisemitische protestantische Hofprediger Adolf Stoecker von der LĂŒgenpresse bösartig als Hetzer dargestellt worden sei.cite-ref-30[30]

„LĂŒgenpresse“ im Ersten Weltkrieg

Im Ersten Weltkrieg wurde das Wort LĂŒgenpresse im deutschen Sprachraum erstmals ein breit benutzter Terminus.cite-ref-31[31] Dies hing damit zusammen, dass das Deutsche Reich durch die Verletzung der belgischen NeutralitĂ€t und vor allem die folgenden KriegsgrĂ€uel gegen die belgische Zivilbevölkerung (etwa das Massaker von Dinant und den Brand von Löwen) propagandistisch in die Defensive geraten war. Unter dem Stichwort Rape of Belgium wurden diese Ereignisse gerade in der Presse der neutralen LĂ€nder breit thematisiert, zum Teil auch fĂŒr GrĂ€uelpropaganda ausgewertet. Die Reaktion der deutschen Intellektuellen und der deutschen Presse war es, die Auslandspresse als LĂŒgenpresse zu diffamieren. Öffentlichkeitswirksame Verwendungen dieses Ausdrucks kamen besonders in Offenen Briefen von deutschen Intellektuellen vor, die meist auf VorwĂŒrfe französischer oder englischer Kollegen wegen der Kriegsverbrechen in Belgien antworteten und sich dabei, oft zum unglĂ€ubigen Staunen der Kollegen, die Kriegspropaganda des Deutschen Reiches voll zu eigen machten. So schrieb Gerhart Hauptmann am 10. September 1914 in einem in der Vossischen Zeitung erschienenen Offenen Brief an Romain Rolland (in Antwort auf einen ebensolchen Brief Rollands): „Aber der deutsche Soldat hat mit den ekelhaften und lĂ€ppischen Werwolfgeschichten nicht das allergeringste gemein, die Ihre französische LĂŒgenpresse so eifrig verbreitet, der das französische und das belgische Volk sein UnglĂŒck verdankt.“cite-ref-32[32] Adolf von Harnack beantwortete am selben Tag einen Brief von elf englischen Theologen und schrieb in einem Postskriptum: „Als vierte Großmacht hat sich gegen Deutschland die internationale LĂŒgenpresse erhoben, ĂŒberschĂŒttet die Welt mit LĂŒgen gegen unser herrliches und sittenstrenges Heer und verleumdet alles, was deutsch ist.“cite-ref-33[33] Der Schweizer Theologe Leonhard Ragaz kritisierte 1914 die bereits gĂ€ngige Bezeichnung fĂŒr das gesamte Pressewesen der Gegnerstaaten in einem öffentlichen Briefwechsel mit dem deutschen Theologen Gottfried Traub: „Sie versichern der Welt, daß Ihr Volk allein recht habe und daran kein Zweifel sei. Die Presse der gegnerischen Völker, die die Dinge anders darstellt als Ihre eigene, ist eine ‚LĂŒgenpresse‘.“cite-ref-34[34]cite-ref-35[35] Der Evangelische Pressedienst hatte bereits seit August 1914 seine TĂ€tigkeit in den Dienst des Kampfs gegen die „LĂŒgenpresse“ gestellt, die die „schwerste Waffe der Kriegsgegner“ sei.cite-ref-36[36] Der Aufruf An die Kulturwelt! vom 4. Oktober 1914, die öffentlichkeitswirksamste und folgenreichste ErklĂ€rung der deutschen Intellektuellen im Ersten Weltkrieg, unterschrieben unter anderem auch von Harnack und Hauptmann, kam ohne das Wort LĂŒgenpresse aus, konzentrierte sich aber ebenfalls auf die angeblich von den Feinden gefĂŒhrten „vergifteten Waffen der LĂŒge“, denen ein sechsfaches „Es ist nicht wahr“ entgegengesetzt wurde – freilich, wie ein Teil der Unterzeichner spĂ€ter eingestand, ohne dass die Intellektuellen dies ĂŒberhaupt hĂ€tten beurteilen können.cite-ref-37[37]

1915 schrieb der Österreicher Gustav Pacher von Theinburg die Kriegsschuld der schon vor Kriegsbeginn „mit schwerem Geld bezahlten“ britischen „Hetz- und LĂŒgenpresse“ zu.cite-ref-38[38] Auch in Buchtiteln fand sich der Ausdruck im Verlauf des Krieges: So veröffentlichte der Sprachlehrer und Übersetzercite-ref-39[39] Reinhold Anton 1915 und 1916 eine Serie von fĂŒnf BĂŒchern Der LĂŒgenfeldzug unserer Feinde. Sie enthielten dem Untertitel zufolge eine GegenĂŒberstellung deutscher und „feindlicher“ Agenturmeldungen ĂŒber den Krieg. Der 1915 erschienene Band 3 trug den englischen Titel All lies („Alles LĂŒgen“), der Band 4 (1916) hieß Die LĂŒgenpresse.cite-ref-40[40] Der Rittmeister a. D. Oskar Michel aus dem Kriegspresseamt veröffentlichte 1918 in der Serie SchĂŒtzengraben-BĂŒcher fĂŒr das deutsche Volk einen Band mit dem Titel Die LĂŒgenpresse unserer Feinde.cite-ref-41[41]

Kommunistische und sozialistische Verwendung nach dem Ersten Weltkrieg

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde im kommunistischen und sozialistischen Spektrum die Bezeichnung LĂŒgenpresse verwendet, um Veröffentlichungen des politischen Gegners zu beschreiben. Laut Alexander Michel wurde „von den Kommunisten“ beispielsweise die „Werkzeitung als Element der ‚bĂŒrgerlichen LĂŒgenpresse‘ vehement bekĂ€mpft“.cite-ref-42[42] Karl Radek sprach beim GrĂŒndungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands ĂŒber den Kampf gegen die „LĂŒgenpresse der Bourgeoisie“ in Russland.cite-ref-43[43] In Reden von USPD-Mitgliedern bei Arbeiter- und SoldatenrĂ€ten 1918/1919 findet sich der Ausdruck ebenfalls.cite-ref-44[44]cite-ref-45[45] Alexander Parvus schrieb in der sozialistischen Wochenschrift Die Glocke, „mit welcher Schamlosigkeit die schwarz-weiß-roten Zeitungen lĂŒgen“, und ĂŒberlegte, wie an die Leser dieser „LĂŒgenpresse“ noch heranzukommen sei.cite-ref-46[46] Das in den 1920er Jahren erschienene kommunistische Blatt Neue Zeitung hatte 1924 den Aufruf „Hinaus mit der bĂŒrgerlich-kapitalistischen LĂŒgenpresse!“ auf der Titelseite.cite-ref-47[47]

Verwendung im Kontext des Nationalsozialismus

1921 verwendete Alfred Rosenberg im Völkischen Beobachter den Kampfbegriff im Kontext der Ablehnung des Republikschutzgesetzes und der Ausschlachtung der „Badebild“-AffĂ€re sowie antisemitischer VerratsvorwĂŒrfe gegen Walther Rathenau durch die NSDAP. Rosenberg unterstellte der Regierung, sie agiere mittels Geheimhaltung und Auslieferung an die „feindliche LĂŒgenpropaganda“, dies werde durch die „organisierte LĂŒgenpresse der Regierungsparteien“ gestĂŒtzt. Rosenberg nennt die Frankfurter Zeitung, den VorwĂ€rts und das Berliner Tageblatt.cite-ref-48[48] Rosenberg propagierte 1923 „die alte deutsche Auffassung vom Wesen und Wert der Arbeit“. Als Gegensatz zum „Volk“ und seinem „Willen“ konstruierte er in seiner Interpretation des NSDAP-Parteiprogrammes die „LĂŒgenpresse“: „Das Volk wird seine großen KĂŒnstler, Feldherren und StaatsmĂ€nner nicht mehr als ein ihm Entgegengesetztes empfinden – als welches eine LĂŒgenpresse sie uns darstellen möchte –, sondern, umgekehrt, als den höchsten Ausdruck seines oft dunklen, noch unbestimmten Wollens.“cite-ref-49[49]

1922 nutzte Adolf Hitler den Vorwurf der „LĂŒgenpresse“ fĂŒr die marxistische Presse.cite-ref-50[50] In seinem Buch Mein Kampf verwendete er das Wort LĂŒgenpresse nicht. Er beschrieb vielmehr im Kapitel Kriegspropaganda die in seinen Augen außerordentliche Wirkung der feindlichen Propaganda im Ersten Weltkrieg. Er bemĂ€ngelte die deutsche Propaganda als unwirksam und fordert eine eigene Propaganda, die sich wie die der EnglĂ€nder, Franzosen oder Amerikaner an der psychologischen Wirksamkeit orientiere.cite-ref-51[51] VorwĂŒrfe der „LĂŒge“ auch gegenĂŒber der Inlandspublizistik finden sich dagegen an einigen Stellen, so etwa gegen die „sozialdemokratische Presse“, jĂŒdische Liberale usw.cite-ref-52[52]

Hermann Göring verwendete den Ausdruck am 23. MĂ€rz 1933 in seiner Rede wĂ€hrend der Aussprache zum ErmĂ€chtigungsgesetz im Reichstag.cite-ref-53[53] In der gleichen Rede leugnete er Angriffe auf jĂŒdische GeschĂ€fte sowie SchĂ€ndungen von Synagogen und jĂŒdischen Friedhöfen.

Manfred Pechau fasste im Dezember 1937 in den Nationalsozialistischen Monatsheften Teile seiner Dissertation Nationalsozialismus und deutsche Sprache (Greifswald 1935) zusammen, indem er Synonyme zu „jĂŒdisch-marxistischen LĂŒgenpresse“ zusammenstellt, darunter auch „jĂŒdische Journaille“.cite-ref-54[54] Das Einzige Parteiamtliche AufklĂ€rungs- und Rednerinformationsmaterial, herausgegeben 1938 von der Reichspropagandaleitung der NSDAP, bezeichnet die Kommentierung der antisemitischen Novemberpogrome 1938 durch auslĂ€ndische Medien als Reaktionen der „Hetz- und LĂŒgenpresse“, die ein neues Verleumdungsfeld gegen das Reich darstelle.cite-ref-55[55] In mehreren Reden von Joseph Goebbels aus der ersten HĂ€lfte des Jahres 1939 verwendet dieser den Ausdruck LĂŒgenpresse als Charakterisierung der Medien des Auslandes, besonders der spĂ€teren Kriegsgegner USA, Frankreich und Großbritannien.cite-ref-56[56] Zu diesem Zeitpunkt war die deutsche Inlandspresse „gleichgeschaltet“, eine von den Nationalsozialisten als LĂŒgenpresse bezeichnete Inlandspresse existierte nicht mehr. Auf die Falschmeldung vom Tod Max Schmelings reagierte die NS-Propaganda mit einem Angriff auf die „auslĂ€ndische LĂŒgenpresse“.cite-ref-57[57] Auch weitere Kombinationen waren möglich, der Völkische Beobachter sprach etwa von Emigranten- und internationale LĂŒgenpresse, um Meldungen ĂŒber den schlechten Zustand des inhaftierten Carl von Ossietzky zu dementieren.cite-ref-58[58] 1932 wies der Völkische Beobachter Kritik an Rosenberg mit der Formel marxistische LĂŒgenpresse zurĂŒck.cite-ref-59[59]

Baldur von Schirach bezeichnete 1942 die französische Journalistin GeneviĂšve Tabouis, die ĂŒber die ExpansionsplĂ€ne des Nationalsozialismus publizierte, als „Verkörperung dieser feilen LĂŒgenpresse, die sich jedem anbot, der zu bezahlen wußte“; im gleichen Zusammenhang behauptete er, dass „90 Prozent aller Pariser Zeitungen“ unter „jĂŒdischem Einfluß“ stĂŒnden und die Zeitungsredaktionen sich aus â€žĂŒber 70 Prozent“ Juden zusammensetzten.cite-ref-60[60]

Das Wort wurde selbst in BĂŒttenreden gleichgeschalteter Karnevalsveranstaltungen benutzt.cite-ref-61[61]

Nachdem im Spanischen BĂŒrgerkrieg die nationalsozialistische Legion Condor die Stadt Guernica bombardiert und dies in der Weltöffentlichkeit zu entsetzten Reaktionen gefĂŒhrt hatte, bezichtigte General Francos Propaganda die „jĂŒdische LĂŒgenpresse“: Das sei ein Pressemanöver der Bolschewisten gewesen, welche die Stadt selbst niedergebrannt hĂ€tten.cite-ref-62[62] Dies geschah im Gleichklang mit der NS-Propaganda.cite-ref-63[63]

In der deutschsprachigen Exilpresse, etwa im Neuen VorwĂ€rts 1936, wurde die gleichgeschaltete Presse bzw. die NS-Presse mit Bezeichnungen wie „braune LĂŒgenpresse“ belegt.cite-ref-64[64] Im September 1938 verfasste Maximilian Scheer in der Neuen WeltbĂŒhne eine Reaktion auf einen Beitrag in der Zeitschrift Kolonie und Heimat unter dem Titel Die LĂŒgenpresse.cite-ref-65[65]

Walter Hagemann analysierte 1948, wie die NS-Presse den Vorwurf der „LĂŒgenpresse“ gegenĂŒber der Auslandspresse nutzte. Den Lesern sollte vermittelt werden, wie wachsam und zuverlĂ€ssig die deutsche Publizistik und Politik in diesem Punkt sei. Die ZurĂŒckweisung der alliierten „Greuelmeldungen“ als Produkte der „jĂŒdischen Journaille“ gehörte zu dieser NS-Strategie.cite-ref-66[66]

Auf dieses Modell der Negierung von deutschen Kriegsverbrechen ĂŒber den Vorwurf der LĂŒgenpresse greifen einzelne Holocaustleugner zurĂŒck. So behauptete etwa die Remer-Depesche in den 1990er Jahren hinter Strafverfahren gegen den Holocaustleugner JĂŒrgen Graf den „Druck der LĂŒgenpresse“ und jĂŒdischer Akteure.cite-ref-67[67]

Nach 1945 bis zur Jahrtausendwende

Nach 1945 wurde das Schlagwort im Rahmen des Kalten Krieges von DDR-Vertretern zur Herabsetzung westlicher Medien eingesetzt. So benutzte es Otto Grotewohl im Zusammenhang mit der Spaltung Nachkriegsdeutschlands.cite-ref-68[68] Im Schwarzen Kanal war der Topos der „kapitalistischen LĂŒgenpresse“ Bestandteil der DDR-Propaganda gegen den Westen.cite-ref-69[69] Das Neue Deutschland bezeichnete westdeutsche oder amerikanische Publikationen bis Anfang der 1970er als LĂŒgenpresse, wie JĂŒrgen Amendt in einem Artikel des Neuen Deutschland selbst anfĂŒhrte.cite-ref-70[70]

Kurt Ziesel verteidigte Theodor OberlĂ€nder 1961 in seinem Der rote Rufmord: eine Dokumentation zum Kalten Krieg beim rechtslastigen Schlichtenmayers Verlagcite-ref-71[71] erschienenen Buch gegen VorwĂŒrfe, ein NS-TĂ€ter gewesen zu sein. Er erklĂ€rte, dass die VorwĂŒrfe der „westdeutsche[n] LĂŒgenpresse“ bzw. der „kommunistische[n] LĂŒgenpresse jenseits und diesseits des Eisernen Vorhangs“ oder einer „ost- und westdeutsche LĂŒgenpresse“ entstammen.cite-ref-72[72]

In manchen linksautonomen FlugblĂ€ttern aus den 1970er Jahren zu bestimmten VorgĂ€ngen taucht der Ausdruck auf.cite-ref-73[73] Laut einigen heutigen Politikwissenschaftlern wurde der Ausdruck damals „wie selbstverstĂ€ndlich“ gebraucht.cite-ref-74[74]

In den AnfĂ€ngen der Wende in der DDR wurde das Neue Deutschland wiederum als LĂŒgenpresse tituliert.cite-ref-75[75]

In der frĂŒhen rechtsextremistischen Publizistik findet sich auch das synonym gebrauchte „Lizenzpresse“. Die Anspielung zielt auf die zunĂ€chst erfolgte Lizenzierung demokratischer Zeitungen nach 1945 durch die westlichen BesatzungsmĂ€chte.

GegenwÀrtige Verwendung (chronologisch)

Seit Anfang der 2000er Jahre ist das Wort „LĂŒgenpresse“ insbesondere in neonazistischen und rechtsradikalen Gruppen gĂ€ngig.cite-ref-76[76]cite-ref-77[77] So riefen Neonazis 2001 bei einer Demonstration in Leipzig „LĂŒgenpresse“.cite-ref-78[78] Christoph Seils schrieb 2007 in der Zeit, die Kader der rechtsextremen Szene seien sich „einig ĂŒber den gemeinsamen Feind: den Staat, die Systemparteien, die LĂŒgenpresse und die AuslĂ€nder“.cite-ref-79[79]

Der NPD-Politiker Andreas Storr forderte 2010 auf einem neonazistischen Musikfestival: „Die Redaktionsstuben der LĂŒgenpresse lahmlegen und besetzen – das wird unsere erste Aufgabe sein.“cite-ref-80[80] Die NPD hatte 2009 und 2010 die „LĂŒgenpresse“ von ihren Parteitagen ausgeschlossen.cite-ref-81[81] Im April 2012 wurde der Spruch „LĂŒgenpresse halt die Fresse!“ von Neonazis an das Sonneberger RedaktionsgebĂ€ude des Freien Wortes geschmiert, im Mai 2012 an die Fenster der Lokalredaktion der Lausitzer Rundschau in Spremberg, in beiden FĂ€llen waren die AnlĂ€sse Berichte der Zeitungen ĂŒber rechtsextreme AktivitĂ€ten.cite-ref-82[82] Im Rahmen des Todesfall Daniel S., der von Rechtsextremen als beispielhaft fĂŒr eine „Deutschenfeindlichkeit“ instrumentalisiert wurde, wurde in sozialen Netzwerken Journalisten, die den ermittelnden Staatsanwalt mit den Worten zitierten, die NationalitĂ€ten von TĂ€tern und Opfer hĂ€tten keine Rolle gespielt, mit dem Wort LĂŒgenpresse beschimpft und persönlich bedroht.cite-ref-83[83] Die Band Frei.Wild verbreitete 2013 eine „Gold Edition“ ihres Albums Feinde deiner Feinde auf DVD, auf der Fans den Slogan „LĂŒgenpresse – auf die Fresse!“ skandieren.cite-ref-84[84] Diejenigen Medien, auf die das Schlagwort zielt, werden im rechtsextremen Sprachgebrauch auch als „System-Medien“ (analog zur Diffamierung von Teilen der Presse durch die Nationalsozialisten ab den 1920er-Jahren) bezeichnet.cite-ref-85[85]

Auch in der Fanszene des Fußballvereins Dynamo Dresden wurde regelmĂ€ĂŸig die Parole „LĂŒgenpresse halt die Fresse“ gerufen. Die Dresdner Neuesten Nachrichten berichteten darĂŒber 2012 in einem Artikel. Unter anderem machten die Fans die Medien verantwortlich fĂŒr ein Geisterspiel, das das DFB-Sportgericht nach Krawallen von Dynamo-Fans in Dortmund angeordnet hatte.cite-ref-86[86] Einem Bericht der Zeit zufolge haben sich 200 bis 300 Dynamo-AnhĂ€nger auch PEGIDA-Demonstrationen angeschlossen. Sie sollen „mehrmals zu den ersten“ gehört haben, „die den völkischen Ruf gegen die sogenannte LĂŒgenpresse intonierten“.cite-ref-87[87] Die Verbreitung derartiger Parolen in der rechten Hooligan-Szene beschrĂ€nkt sich aber nicht auf Dresden. So wurde „LĂŒgenpresse auf die Fresse“ bei einer gewalttĂ€tigen Demonstration der Hooligans gegen Salafisten in Köln am 26. Oktober 2014 skandiert.cite-ref-88[88]

Bei den Pegida-Demonstrationen seit Oktober 2014 wurde das Schlagwort „LĂŒgenpresse“ immer wieder in Sprechchören gerufen. Der Ruf „LĂŒgenpresse“ war oft eine Reaktion darauf, dass einer der Redner die Berichterstattung der Presse kritisierte. Beispielsweise fragte Udo Ulfkotte als Redner am 5. Januar 2015: „Wollen wir diesen Weg gemeinsam gehen und es den Politikern und der LĂŒgenpresse zeigen?“ und erhielt „LĂŒgenpresse“-Rufe der Demonstranten als Antwort.cite-ref-89[89] Derartige Sprechchöre wurden auch gegenĂŒber Medienvertretern angebracht, die versuchten, MeinungsĂ€ußerungen oder Interviews von Demonstranten zu erhalten; von Rednerseite wurden die Teilnehmer wiederholt aufgefordert, nicht mit den Journalisten zu sprechen. Aufgrund der großen Beachtung in der Berichterstattung fand das Schlagwort wieder Eingang in den aktuellen Sprachgebrauch, nach Aussage des politischen Fernsehmagazins Panorama wohl zunĂ€chst im ursprĂŒnglichen Sinne des Kompositums: „
 der Schlachtruf ‚LĂŒgenpresse‘ ist in Dresden immer wieder zu hören. Die Medien wĂŒrden die Aussagen der Teilnehmer ohnehin nur manipulieren, verdrehen oder gar nicht erst senden.“cite-ref-90[90]

Bei Demonstrationen von Pegida und Legida gingen und gehen die „LĂŒgenpresse“-Rufe und die Verwendung von „LĂŒgenpresse“-Aufklebern einher mit Übergriffen auf Journalisten und Bedrohungen ihrer Familien. Dies wird als Angriff auf die Pressefreiheit bewertet.cite-ref-91[91]cite-ref-92[92]cite-ref-93[93] WĂ€hrend einer Demonstrationen von Legida im Jahr 2016, bei der Gruppen von Neonazis und Hooligans dominierten, wurde Parolen wie „LĂŒgenpresse“, „VolksverrĂ€ter“ gerufen und eine Journalistin angegriffen.cite-ref-94[94]cite-ref-95[95] Um den Vorwurf der LĂŒgenpresse zu untermauern, werden etwa auf der Facebookseite von Pegida gefĂ€lschte Titelzeilen des Spiegel prĂ€sentiert,cite-ref-96[96]cite-ref-97[97] ebenfalls wurden in Dresden FlugblĂ€tter mit kontrafaktischen, verschwörungstheoretischen Argumenten gegen die zur LĂŒgenpresse gerechneten Lokalpresse verteilt.cite-ref-98[98] Parallel werden in sozialen Medien Falschmeldungen (etwa positive Meldungen ĂŒber FlĂŒchtlinge) produziert, um diese, in der Hoffnung, dass diese in Printmedien landen, anschließend zu „entlarven“, um die „LĂŒgen“ der „LĂŒgenpresse“ bloßzustellen.cite-ref-99[99]cite-ref-100[100] Wie bei Pegida-Demonstrationen wird auch auf Kundgebungen der Partei Alternative fĂŒr Deutschland „LĂŒgenpresse“ in Sprechchören gerufen, wenn Medienvertreter anwesend sind. Dabei kommt es ebenfalls zum Teil zu gewalttĂ€tigen Übergriffen auf die Journalisten.cite-ref-hb-12647868-101-0[101]cite-ref-102[102]cite-ref-103[103]cite-ref-104[104]

Noura Maan und Fabian Schmid untersuchten unter anderem das zeitliche Auftreten des Wortes „LĂŒgenpresse“ in Online-LeserbeitrĂ€gen der österreichischen Tageszeitung Der Standard. Vor dem Dezember 2014 gab es nur einzelne sporadische Verwendungen. Seit diesem Zeitpunkt ist der Vorwurf LĂŒgenpresse vor allem dann in den Leserkommentaren zu finden, wenn es um Pegida-Veranstaltungen ging, am 23. Mai 2016 kam „LĂŒgenpresse“ jedoch auch in Kommentaren zur Berichterstattung ĂŒber die BundesprĂ€sidentenwahl in Österreich 2016 vor. Ein Teil der Verwendungen ist allerdings nicht affirmativ, sondern weist etwa auf die „Paranoia“ LĂŒgenpresse hin.cite-ref-105[105]

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ordnete das Schlagwort am 5. Januar 2015 im Spiegel-Essay Der Hass der Bescheidwisser in eine verschwörungstheoretische Radikalisierung von Medienverdrossenheit ein, die er derzeit beobachte. Der „LĂŒgenpresse“ werde insbesondere in vielen Internetpublikationen, aber auch auf dem Sachbuchmarkt eine planmĂ€ĂŸige Manipulation des Publikums im Dienste von „diffusen MĂ€chten“ unterstellt. Pörksen nennt unter anderem Eva Herman, Ken Jebsen, JĂŒrgen ElsĂ€sser, Udo Ulfkotte und Thor Kunkel als Vertreter einer solchen Verschwörungstheorie. Es zeige sich in ihren Produkten eine „eigenwillige Mischung aus Totalzweifel und Wahrheitsemphase“, da die Verschwörungstheoretiker pauschal an der Berichterstattung der Medien zweifelten, niemals aber an den Ergebnissen eigener Recherchen. Man weiche so der Debatte in der Sache aus, indem man den Gegner entlarve: „Alles ist bloß Chiffre und Zeichen, ist Indiz von Propaganda und Manipulation.“cite-ref-106[106] Auch der Kommunikationswissenschaftler Armin Scholl weist auf den „deutlich verschwörungstheoretischen Charakter“ des LĂŒgenpresse-Vorwurfs in seiner Nutzung durch Pegida hin, der Wortteil „LĂŒgen“ beziehe sich bei diesem Gebrauch nicht auf falsch dargestellte „Fakten“, sondern eher auf Meinungen, die von Pegida abweichen wĂŒrden.cite-ref-107[107] BundesprĂ€sident Joachim Gauck titulierte die aktuellen LĂŒgenpresse-VorwĂŒrfe als „Freude an Dummheit“ und fĂŒgte begrĂŒndend hinzu, er habe in der DDR „50 Jahre als Person erlebt, was LĂŒgenpresse ist“.cite-ref-108[108] Der Historiker Magnus Brechtken vom Institut fĂŒr Zeitgeschichte ordnete den Begriff als antiaufklĂ€rerisches Schlagwort ein, das gleichzeitig beinhaltet, dass auf der Gegenseite eine „Art Wahrheitsquelle“ existiert. Er sieht den Begriff als ersten Schritt zu „einem dogmatischen Anspruch auf Selbstwahrheit“. Dieser Anspruch sei die Basis aller autoritĂ€ren Systeme.cite-ref-109[109]

Der Medienwissenschaftler Uwe KrĂŒger schrieb 2016, mit Schlagworten wie „LĂŒgenpresse“ brĂ€chten seit etwa 2014 viele Nutzer ihre Entfremdung von den etablierten Medien zum Ausdruck. Der Krieg in der Ukraine seit 2014 mit der Annexion der Krim durch Russland habe dabei eine Katalysatorfunktion gehabt. Journalisten fĂŒhlten sich dadurch unverstanden und konterten mit GegenvorwĂŒrfen wie „Verschwörungstheoretiker“. Wolle man in dieser Beziehungskrise vermitteln und deren Ursachen angehen, mĂŒsse man von solchen Begriffen Abstand nehmen. „LĂŒgenpresse“ sei nicht nur historisch diskreditiert und aggressiv gegenĂŒber Journalisten, sondern treffe auch die Sache nicht. Der eigentliche Vorwurf des Publikums sei nicht LĂŒgen im Sinne von absichtsvoll falschen Sachverhaltsaussagen, sondern eher Einseitigkeit in der Auswahl und Darstellung von Themen, Informationen und Meinungen.cite-ref-110[110] Der Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn sieht den Grund fĂŒr die Bezeichnung demokratischer Medien durch rechte Kreise als „LĂŒgenpresse“ darin, dass diese Medien „die rassistischen Partikularinteressen eben auch als solche benennen“. Dagegen wĂŒrden von ebendiesen Leuten „Propagandamedien wie dubiose Internetblogs oder das russische Fernsehen glorifiziert – weil sie den eigenen Wahn zur Wahrheit erklĂ€ren“.cite-ref-111[111]

Im September 2015 wurde ein dpa-Fotograf in Dresden mit „LĂŒgenpresse“ und „Verleumder“ beschimpft, angegriffen und verletzt. Er berichtete ĂŒber eine FlĂŒchtlingsunterkunft.cite-ref-112[112] Auf der Pro-Erdogan-Demonstration von in Deutschland lebenden TĂŒrken in Köln am 31. Juli 2016 wurde, neben den Rufen „TĂŒrkiye, TĂŒrkiye“ und „Allahu Akbar!“, auch „LĂŒgenpresse, LĂŒgenpresse!“ skandiert.cite-ref-113[113] Der amerikanische Neonazi Richard B. Spencer griff als Verteidigung des US-PrĂ€sidentschaftskandidaten Donald Trump neben anderen Fragmenten der NS-Propaganda den Germanismus „lugenpresse“ auf und kritisierte einen zu freundlichen Umgang mit Minderheiten und Juden.cite-ref-114[114] Die ZEIT-Journalistin Karoline Kuhla stellte einen Bezug zwischen den Begriffen LĂŒgenpresse und Fake News her, weil beide als „ein beleidigender Ausdruck fĂŒr unliebsame Berichterstattung oder Medien“ verwendet wĂŒrden.cite-ref-115[115]

Demoskopische Studien

Das Institut fĂŒr Demoskopie Allensbach stellte in einer Befragung an 1457 Personen Ende 2015 die Frage: „In letzter Zeit ist hin und wieder das Schimpfwort ‚LĂŒgenpresse‘ zu hören. Damit ist gemeint, dass die Medien angeblich nicht objektiv berichten, sondern Sachverhalte verdrehen oder bestimmte Tatsachen ganz verheimlichen. Finden Sie, an dem Vorwurf der ‚LĂŒgenpresse‘ ist etwas dran, oder finden Sie das nicht?“ 39 Prozent antworteten mit Ja, 36 Prozent mit Nein. In Ostdeutschland fanden 44 Prozent, an dem Vorwurf der „LĂŒgenpresse“ sei etwas dran, wĂ€hrend nur 30 Prozent die Frage verneinten.cite-ref-116[116] Gleichwohl hielten mehr als zwei Drittel der Bevölkerung die Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und der Tagespresse im Allgemeinen fĂŒr zuverlĂ€ssig.cite-ref-117[117]

Infratest dimap stellte Ende Oktober 2015 in einer Befragung an 750 Personen im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks die Frage: „Im Zusammenhang mit den Protesten der Pegida-Bewegung wird hĂ€ufiger der Begriff LĂŒgenpresse verwendet. Wenn Sie an Zeitungen, Radio und Fernsehen in Deutschland denken, wĂŒrden Sie persönlich dann von LĂŒgenpresse sprechen oder nicht?“ 20 Prozent der Befragten bejahten diese Frage, 72 Prozent verneinten sie. 42 Prozent der Befragten zeigten sich gleichwohl ĂŒberzeugt, dass die Politik den Medien inhaltliche Vorgaben fĂŒr die Berichterstattung mache. 39 Prozent glaubten, dass in den deutschen Medien immer bzw. hĂ€ufig absichtlich die Unwahrheit gesagt werde.cite-ref-118[118] Eine Wiederholung der Befragung ein Jahr spĂ€ter zeigte ein Ă€hnliches Ergebnis.cite-ref-119[119]

Carsten Reinemann, Nayla Fawzi und Magdalena Obermaier prĂ€sentierten in einer Befragung von 981 Personen im Januar 2017 die Aussage: „Wenn ich an Zeitungen, Radio und Fernsehen in Deutschland denke, wĂŒrde ich persönlich von ‚LĂŒgenpresse‘ sprechen“. 74 Prozent der Befragten antworteten, diese Aussage treffe fĂŒr sie nicht zu, 17 Prozent meinten „teils/teils“, 9 Prozent gaben an, dies treffe fĂŒr sie zu. Ein wichtiger Faktor fĂŒr das Antwortverhalten war die ParteiprĂ€ferenz der Befragten. Ein Drittel der Personen, die angaben, der Alternative fĂŒr Deutschland zuzuneigen, stimmte der vorgelegten Aussage zu, auch bei NichtwĂ€hlern und Unentschlossenen ergaben sich ĂŒberdurchschnittliche ProzentsĂ€tze. Dagegen stimmten von den Befragten, die andere Parteien vorzogen, nur sehr wenige zu.cite-ref-120[120]

Weitere Expertisen

Die Medienwissenschaftler Carsten Reinemann und Nayla Fawzi stellten Anfang 2016 ein unverĂ€ndertes Vertrauen in Medien fest. Langzeitdaten wĂŒrden ein völlig anderes Bild ergeben, als es die derzeit gĂ€ngige KrisenerzĂ€hlung vermuten lasse: „Erstens steht ein Großteil der Deutschen der Presse und dem Fernsehen schon seit Jahrzehnten eher skeptisch gegenĂŒber. Zweitens konnten Zeitungen und Rundfunk seit der Etablierung des Internets an Vertrauen gewinnen. Drittens hĂ€lt sich der Anteil von Skeptikern und Vertrauenden etwa die Waage, wenn auch mit einem leichten Übergewicht fĂŒr die Skeptiker.“cite-ref-121[121]

Die UniversitĂ€t Hamburg fĂŒhrte unter der Leitung von Volker Lilienthal und Irene Neverla im Wintersemester 2016/17 eine Ringvorlesung mit dem Titel LĂŒgenpresse – Medienkritik als politischer Breitensport durch. In diesem Rahmen beschĂ€ftigten sich sowohl Journalisten wie Giovanni di Lorenzo, Jakob Augstein und Heribert Prantl als auch verschiedene Wissenschaftler deutschsprachiger UniversitĂ€ten mit den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die dem Begriff zugrunde liegen.cite-ref-122[122]cite-ref-123[123] Eine Aufarbeitung der herausgearbeiteten Erkenntnisse erschien im August 2017 als Sammelband, zu dem sowohl Wissenschaftler als auch Journalisten BeitrĂ€ge beisteuerten.cite-ref-124[124] Auch der Kognitionspsychologe Christian Stöcker hat den Begriff in Zusammenhang mit dem Klimawandel und den Corona-Protesten untersucht.cite-ref-125[125]

„Unwort des Jahres 2014“ in Deutschland

BegrĂŒndung

Der Begriff wurde zum „Unwort des Jahres 2014“ von der Sprachkritischen Aktion gewĂ€hlt, weil er ein „
 besonders perfide[s] Mittel derjenigen [sei], die ihn gezielt einsetzen“.cite-ref-sprachkritik-126-0[126] Dabei geht die Jury davon aus, dass einem Großteil derer, die ihn skandierten, nicht bewusst sein dĂŒrfte, dass dieser Begriff bereits im Ersten und Zweiten Weltkrieg als Kampfbegriff und zur Diffamierung diente.cite-ref-sprachkritik-126-1[126]

Die Kritik des Begriffes sei aber nicht daran festgemacht – so die Jury –, dass die Medien niemals fehlgehen wĂŒrden: „Dass Mediensprache eines kritischen Blicks bedarf und nicht alles, was in der Presse steht, auch wahr ist, steht außer Zweifel“,cite-ref-sprachkritik-126-2[126] sondern daran, dass damit die Medien pauschal diffamiert werden, die sich mehrheitlich bemĂŒhen wĂŒrden, einer „
 gezielt geschĂŒrten Angst vor einer vermeintlichen ‚Islamisierung des Abendlandes‘“ sachlich zu begegnen, indem sie gesellschaftspolitische Themen differenziert darstellten.

Die Pressemitteilung der „Sprachkritischen Aktion“ schließt mit der Warnung: „Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur GefĂ€hrdung der fĂŒr die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit, deren akute Bedrohung durch Extremismus gerade in diesen Tagen unĂŒbersehbar geworden ist.“cite-ref-sprachkritik-126-3[126]

Reaktionen

Das Medienecho auf die Entscheidung der Jury war ĂŒberwiegend positiv. Vielfach hieß es, dass es „Selbstverpflichtung der Journalisten sein muss, umfassend, objektiv und wahrhaftig zu berichten“.cite-ref-127[127]

Vereinzelt wurde jedoch auch Kritik geĂ€ußert. Der Soziologe und Politikwissenschaftler Arno Klönne schrieb in Telepolis, „LĂŒgenpresse“ sei auch von Widerstandsgruppen im „Dritten Reich“ verwendet worden. Gegen eine „lĂŒgnerische“ Presse werde auch „auf der Linken angegangen“; die Tageszeitung junge Welt verwende etwa als Slogan: Sie lĂŒgen wie gedruckt – wir drucken, wie sie lĂŒgen. Eine „Aburteilung“ des Wortes LĂŒgenpresse könne von RealitĂ€ten ablenken: „Wenn alltagssprachlich mit LĂŒgen gezielte und durchaus systematische TĂ€uschungsmethoden des Informationsbetriebs gemeint sind: Die existieren. In großem Ausmaß.“cite-ref-128[128] Der Historiker Egon Flaig schrieb in seinem Buch Die Niederlage der politischen Vernunft von 2017, „LĂŒgenpresse“ sei „ein alteingebĂŒrgertes Wort in der deutschen politischen Sprache“. Er wendete sich gegen die von ihm wahrgenommene Suggestion, die islamistischen „Mörder von Paris fĂŒhrten zusammen mit der Pegida einen gemeinsamen Kampf gegen die Pressefreiheit“.cite-ref-129[129]

Hostile-Media-Effekt

Die Wahrnehmung von Medien als „LĂŒgenpresse“ wird in der sozialpsychologischen Literatur dem Hostile-Media-Effekt zugerechnet.cite-ref-0-130-0[130] Das Konstrukt beschreibt die Tendenz von Personen mit einer starken bereits bestehenden Einstellung zu einem Thema, die Berichterstattung in den Medien als voreingenommen gegen ihre Seite und zugunsten des Standpunkts ihrer Antagonisten wahrzunehmen.cite-ref-131[131] Hervorzuheben ist hierbei, dass die Berichterstattung von betroffenen Personen als unfair empfunden wird, obwohl die Mehrheit der Rezipienten diese als ausgewogen und fair wahrnimmt.cite-ref-132[132] Somit sorgt der Hostile-Media-Effekt dafĂŒr, dass sich AnhĂ€nger unterschiedlicher Positionen durch denselben Medienbericht in gleicher Weise benachteiligt fĂŒhlen.cite-ref-133[133]

Dem Hostile-Media-Effekt liegen psychologische Wirkmechanismen zugrunde, die bei der Wahrnehmung einer „LĂŒgenpresse“ relevant sein können. So beschreibt das Konzept des BestĂ€tigungsfehlers, dass Rezipienten dazu neigen, sich lieber mit Informationen zu beschĂ€ftigen, die sie in ihrer ursprĂŒnglichen Meinung bestĂ€tigen.cite-ref-134[134] Dies fĂŒhrt dazu, dass Rezipienten widersprĂŒchliche Informationen weniger oft auswĂ€hlen, seltener beachten und sich in geringerem Maße an sie erinnern.cite-ref-135[135] Es zeigte sich, dass der Hostile-Media-Effekt eine Art Spezialfall des BestĂ€tigungsfehlers darstellt, da sich der Effekt nur im Kontext von Massenmedien nachweisen lĂ€sst, woraus sich schließen lĂ€sst, dass er immer nur dann auftritt, wenn Rezipienten davon ausgehen, dass die erhaltenen Informationen nicht nur an sie selbst, sondern an sehr viele Menschen gerichtet sind.cite-ref-0-130-1[130]cite-ref-136[136] Zur weiteren ErklĂ€rung des Hostile-Media-Effekts können außerdem drei zentrale Mechanismen betrachtet werden:cite-ref-1-137-0[137]cite-ref-138[138]

‱ Selektive Erinnerung Personen fallen bei massenmedialen Berichterstattungen insbesondere solche Informationen auf, die ihrer eigenen Meinung widersprechen, da sie zu kognitiver Dissonanz fĂŒhren. Daher kann es vorkommen, dass sie sich an diese Informationen auch eher erinnern.cite-ref-0-130-2[130]
‱ Selektive Kategorisierung Vertreter entgegengesetzter Meinungen neigen dazu, auch solche Argumente als widersprechend zu empfinden, die eigentlich unparteiische Darlegungen sind.cite-ref-1-137-1[137]
‱ Unterschiedliche Standards bei Bewertungen AnhĂ€nger extremer Positionen neigen dazu, bei der Bewertung von Argumenten verschiedene Standards anzulegen. Demnach wĂŒrden es diese Personen als unangemessen empfinden, Positionen der Gegenseite ĂŒberhaupt zu berĂŒcksichtigen, da sie diese als nicht zulĂ€ssig und/oder unbedeutend einschĂ€tzen.cite-ref-0-130-3[130]

Literatur

‱ Rolf van Raden: Pegida-Feindbild »LĂŒgenpresse«. Über ein massenwirksames verschwörungstheoretisches Konzept. In: Helmut Kellershohn, Wolfgang Kastrup (Hrsg.): Kulturkampf von rechts. AfD, Pegida und die Neue Rechte (= Edition DISS. Band 38). Unrast, MĂŒnster 2016, ISBN 978-3-89771-767-1, S. 162–179.
‱ Giovanni di Lorenzo, Jakob Augstein, Klaus BrinkbĂ€umer, Heribert Prantl u. a.: LĂŒgenpresse. Anatomie eines politischen Kampfbegriffs. Hrsg.: Volker Lilienthal, Irene Neverla. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, ISBN 978-3-462-05112-4 (AuszĂŒge bei Google Books).
‱ Bernhard Pörksen: Volle Ladung Hass. In: Die Zeit, Nr. 44/2014.
‱ Bernhard Pörksen: Der Hass der Bescheidwisser. In: Der Spiegel. Nr. 2, 2015 (online).

Weblinks

Wiktionary: LĂŒgenpresse

– BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

‱ Die Story im Ersten: Vertrauen verspielt? In: ARD-Mediathek vom 11. Juli 2016, 44 Min., verfĂŒgbar bis 11. Juli 2017.
‱ GĂŒnther Haller: „LĂŒgenpresse!“ – Ein neuer alter Kampfruf. In: Die Presse, 3. Januar 2015.
‱ Anatol Stefanowitsch: Unwort des Jahres 2014: LĂŒgenpresse. In: Sprachlog, 13. Januar 2015.
‱ Georg Seeßlen: LĂŒgenpresse. In: taz, 11. Februar 2015.
‱ Matthias Heine: „LĂŒgenpresse“ versteht man jetzt auch im Ausland. Welt Online, 9. MĂ€rz 2015.

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Matthias KrĂ€mer: Journalisten und gesellschaftliche Notwehr: Aktivismus versus Neutralismus. 9. Januar 2014.
cite-note-22. ↑ Gabriel Falkenberg: „Sie LĂŒgner!“ Beobachtungen zum Vorwurf der LĂŒge. In: Gerhard Tschauder, Edda Weigand (Hrsg.): Perspektive: textextern. Akten des 14. linguistischen Kolloquiums in Bochum 1979. Band 2. Niemeyer, TĂŒbingen 1980, S. 51–61.
cite-note-33. ↑ Vgl. Deutsches Universal-Wörterbuch. 9. Auflage. Dudenverlag, Berlin 2019, S. 1164; siehe auch im Online-Duden: LĂŒgenpresse. duden.de
cite-note-44. ↑ LĂŒgenblatt. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. Band 12: L, M – (VI). S. Hirzel, Leipzig 1885 (woerterbuchnetz.de).
cite-note-55. ↑ LĂŒgenfeldzug. In: Duden – Das große Wörterbuch der deutschen Sprache, zehn BĂ€nde. 3. Auflage. Mannheim 1999. Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, sechs BĂ€nde. Berlin 1961–1977.
cite-note-66. ↑ Hetzpresse. Duden online.
cite-note-77. ↑ Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1998, S. 327. GĂŒnther Haller: „LĂŒgenpresse!“ – Ein neuer alter Kampfruf. Die Presse, 3. Januar 2015.
cite-note-88. ↑ Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin / New York 1998, S. 599.
cite-note-99. ↑ Wolfgang Frindte und andere (Hrsg.): Rechtsextremismus und „Nationalsozialistischer Untergrund“. InterdisziplinĂ€re Debatten, Befunde und Bilanzen. Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften, 2016, ISBN 978-3-658-09997-8, S. 326.
cite-note-1010. ↑ Ulrich Teusch im GesprĂ€ch mit Christian Rabhansl: Selbstkritischer Journalismus – Die LĂŒcken der Mainstream-Presse. In: Deutschlandradio Kultur. 24. September 2016, abgerufen am 28. September 2016.
cite-note-1111. ↑ luegenblatt. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. Band 12: L, M – (VI). S. Hirzel, Leipzig 1885 (woerterbuchnetz.de).
cite-note-1212. ↑ luegenbrief. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. Band 12: L, M – (VI). S. Hirzel, Leipzig 1885 (woerterbuchnetz.de).
cite-note-1313. ↑ luegenreich. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. Band 12: L, M – (VI). S. Hirzel, Leipzig 1885 (woerterbuchnetz.de). Hier verweist Grimm auf Luther
cite-note-1414. ↑ Gert Hagelweide (Hrsg.): Kaspar Stieler, Zeitungs Lust und Nutz. VollstĂ€ndiger Neudruck der Originalausgabe von 1695. Bremen 1969, S. 56.
cite-note-1515. ↑ Gert Hagelweide (Hrsg.): Kaspar Stieler, Zeitungs Lust und Nutz. VollstĂ€ndiger Neudruck der Originalausgabe von 1695. Bremen 1969, S. 56 f.
cite-note-1616. ↑ Gert Hagelweide (Hrsg.): Kaspar Stieler, Zeitungs Lust und Nutz. VollstĂ€ndiger Neudruck der Originalausgabe von 1695. Bremen 1969. S. 57.
cite-note-1717. ↑ Wiener Zeitung vom 2. September 1835, S. 990, online als historischer Volltext bei ANNO – AustriaN Newspapers Online.
cite-note-1818. ↑ Belgien. In: Allgemeine Zeitung, Nr. 69, 9. MĂ€rz 1840, S. 547.
cite-note-1919. ↑ Beda Weber: Die Trauerfeierlichkeit fĂŒr Robert Blum zu Frankfurt am Main. In: Historisch-politische BlĂ€tter, Band 22 (1848), S. 794–811, Zitat: S. 799, online auf Google Books.
cite-note-2020. ↑ C. Pfaff: Zeitungen. In: Allgemeine RealencyclopĂ€die oder Conversationslexicon fĂŒr das katholische Deutschland. Bearbeitet von einem Vereine katholischer Gelehrten und herausgegeben von Dr. Wilhelm Binder. Zehnter Band: Tenedos–Zwolle. Verlag von Georg Joseph Manz, Regensburg 1849, S. 1006–1012, hier S. 1012 (online).
cite-note-2121. ↑ Michael Schmolke: Die schlechte Presse. Katholiken und Publizistik zwischen „Katholik“ und „Publik“ 1821–1968. Regensberg, MĂŒnster 1971, S. 226.
cite-note-2222. ↑ Vgl. etwa Joseph Eberle: Großmacht Presse. EnthĂŒllungen fĂŒr ZeitungsglĂ€ubige, Forderungen fĂŒr MĂ€nner. Wien/Regensburg u. a. 1920, S. 256 f., der eine lange Passage aus der Rede zustimmend zitiert; Literaturangabe siehe ebd., S. 347 (online); vgl. auch das Laibacher Diöcesanblatt von 1906, das einen Aufruf des Piusvereins abdruckte (online); siehe ferner Christian A. Czermak: Vornehmste Publizistik – Versuch ĂŒber die Frage, warum Friedrich Funder und Joseph Eberle Wegbereiter der Publizistik in Österreich sein sollen. Wien 2008, S. 150 und 211.
cite-note-2323. ↑ Dies ist eins der Themen von Michael Schmolkes Habilitationsschrift: Die schlechte Presse. Katholiken und Publizistik zwischen „Katholik“ und „Publik“ 1821–1968. Regensberg, MĂŒnster 1971.
cite-note-2424. ↑ Woldemar von Bock: LivlĂ€ndische BeitrĂ€ge zur Verbreitung grundlicher Kunde von der protestantischen Landeskirche und dem deutschen Landestaate in den Ostseeprovinzen Russlands: von ihrem guten Rechte und von ihrem Kampfe um Gewissenfreiheit 
 1.–3. Beitrag, Band 3. Stilke & van Muyden, 1869, S. 168.
cite-note-2525. ↑ Biografische Angaben zu Kolb: Des Preßapostel P. Victor Kolb S. J. 60. Geburtstag. In: Reichspost, 12. Februar 1916.
cite-note-2626. ↑ Rezension. In: Literarisches Centralblatt fĂŒr Deutschland, 22. April 1871.
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cite-note-3232. ↑ Der Brief ist nachgedruckt in: Rolf-Bernhard Essig, Reinhard M.G. Nickisch (Hrsg.): „Wer schweigt, wird schuldig!“ Offene Briefe von Martin Luther bis Ulrike Meinhof. Wallstein, Göttingen 2007, S. 94–96; Zitat: S. 95.
cite-note-3333. ↑ Der Brief ist abgedruckt in: Adolf von Harnack als Zeitgenosse. Reden und Schriften aus den Jahren des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Hrsg. und eingeleitet von Kurt Nowak. de Gruyter, Berlin 1996, S. 1438–1444, Zitat: S. 1444.
cite-note-3434. ↑ In: Neue Wege, Band 8 (1914), S. 443. doi:10.5169/seals-133295.
cite-note-3535. ↑ L. Ragaz: Offener Brief an Herrn Pfarrer Gottfried Traub, Dr. der Theologie in Dortmund. In: Die Friedens-Warte, Vol. 17, No. 8 (August 1915), S. 211–216 hier S. 213, jstor:23795029
cite-note-3636. ↑ Hans Hafenbrack: Geschichte des Evangelischen Pressedienstes. Evangelische Pressearbeit von 1848 bis 1981. Luther-Verlag, Bielefeld 2004, S. 107.
cite-note-3737. ↑ Vgl. JĂŒrgen von Ungern-Sternberg/Wolfgang von Ungern Sternberg: Der Aufruf ‚An die Kulturwelt!‘. Das Manifest der 93 und die AnfĂ€nge der Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg. Mit einer Dokumentation. Steiner, Stuttgart 1996, insbesondere S. 53 ff., 61 ff. und 144 ff. (Dokumentation).
cite-note-3838. ↑ Bewertung nach Martin Schramm: Das Deutschlandbild in der britischen Presse 1912–1919, Walter de Gruyter, 2007, S. 14, gemeint ist: Gustav Pacher von Theinburg: Die Dreiverbandspresse, ihr Anteil an der Kriegsentfachung und ein Weg zu ihrer BekĂ€mpfung. (1915).
cite-note-3939. ↑ Von Anton stammen eine Reihe von SprachlehrbĂŒchern, eine Übersetzung von Robert Baden-Powells „Meine Abenteuer als Spion“ (mit einem Vorwort, in dem der Übersetzer vor den Spionageleistungen harmlos erscheinender EnglĂ€nder warnt) und eine Reihe von propagandistischen Schriften, wie etwa ein Aufruf zur Austreibung von Fremdwörtern aus dem Deutschen von 1914. Siehe etwa: Reinhold Anton: Englische Handelsbriefe. Mit deutscher Übersetzung und sprachlichen ErlĂ€uterungen. Verlag fĂŒr Kunst und Wissenschaft, Paul, Leipzig, ca. 1910. Reinhold Anton: Kleines deutsch-französisches Handwörterbuch fĂŒr Kaufleute. Verlag fĂŒr Kunst und Wissenschaft, Paul, Leipzig, ca. 1914. Robert Baden-Powell: Meine Abenteuer als Spion. Aus dem Englischen ĂŒbersetzt von Reinhold Anton, Lehrer der neueren Sprachen, Zehrfeld, Leipzig 1915. Online auf der Seite der Deutschen Digitalen Bibliothek. Reinhold Anton: Fremdwörter hinaus aus der deutschen Sprache! Welche unserer Fremdwörter lassen sich leicht und sinngemĂ€ĂŸ verdeutschen? Schnurpfeil, Leipzig 1914.
cite-note-4040. ↑ Reinhold Anton: Der LĂŒgenfeldzug unserer Feinde. Eine GegenĂŒberstellung deutscher und feindlicher Nachrichten u. a. der W.T.B.-, Reuter-, Havas- und P.T.A.-Telegramme ĂŒber den Weltkrieg 1914/15(16), Zehrfeld, Leipzig 1915–1916. 5 BĂ€nde.
cite-note-4141. ↑ Verlag Siegismund, 1918.
cite-note-4242. ↑ Alexander Michel: Von der Fabrikzeitung zum FĂŒhrungsmittel. Werkzeitschriften industrieller Großunternehmen von 1890 bis 1945. BeitrĂ€ge zur Unternehmensgeschichte Bd. 96; Neue Folge, Bd. 2, Steiner, 1997, S. 113.
cite-note-4343. ↑ Hermann Weber: Die GrĂŒndung der KPD: Protokoll und Materialien des GrĂŒndungsparteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands 1918/1919 mit einer EinfĂŒhrung zur angeblichen Erstveröffentlichung durch die SED. Dietz, 1993. S. 78.
cite-note-4444. ↑ Ralf Hoffrogge: Richard MĂŒller: der Mann hinter der Novemberrevolution. Dietz, 2008, S. 120.
cite-note-4545. ↑ Gerhard Engel, Gaby Huch, Ingo Materna: Groß-Berliner Arbeiter- und SoldatenrĂ€te in der Revolution 1918/19. de Gruyter, 2002, S. 124.
cite-note-4646. ↑ Die Glocke – sozialistische Wochenschrift. Band 10, Ausgabe 40–52, Parvus/Verlag fĂŒr Sozialwissenschaft, 1925, S. 1450.
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cite-note-4949. ↑ Zitat beispielsweise bei Romedio Schmitz-Esser: Arnold von Brescia im Spiegel von acht Jahrhunderten Rezeption: ein Beispiel fĂŒr Europas Umgang mit der mittelalterlichen Geschichte vom Humanismus bis heute LIT Verlag MĂŒnster, 2007 S. 540.
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cite-note-5252. ↑ Volltextsuche in Mein Kampf.
cite-note-5353. ↑ Deutscher Reichsanzeiger Nr. 71 vom 24. MĂ€rz 1933.
cite-note-5454. ↑ Zitiert nach Cornelia Schmitz-Berning: >Beda Weber: Die Trauerfeierlichkeit fĂŒr Robert Blum zu Frankfurt am Main. In: Historisch-politische BlĂ€tter, Band 22 (1848), S. 794–811, Zitat: S. 799, online auf Google Books.=PA326 Journaille. In: dies.: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin, New York 1998, Stichwort „Journaille“, S. 326 f.
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